QUEERmdbFAQs
Während Netflix seit Jahren allen Produzent:innen von Filmen und Serien vormacht, wie gut Diversität und Qualität zusammenpassen, findet man starke, queere Hauptfiguren in deutschen TV-Produktionen außerhalb von Soap-Operas nur selten. Deutsche LGBT-Serien kann man an einer Hand abzählen. Den Anfang machte 2003 Sat.1 mit der an die Erfolgskomödie DER BEWEGTE MANN (1994) angelehnte SitCom BEWEGTE MÄNNER (2003–2006)*, die Comicautor Ralf König als schwulenfeindlich bezeichnete. Alle drei Staffeln wurden 22:15 Uhr bzw. 22:45 Uhr gezeigt. ProSieben strahlte 2007 die ersten Folgen von VERRÜCKT NACH CLARA zur Primetime aus. Wegen katastrophaler Einschaltquoten wurden weitere Episoden immer später versendet, die letzte der acht Folgen lief erst nach Mitternacht.
ALL YOU NEED ist nun die dritte deutsche LGBT-Serie und schießt in puncto Ausstrahlungszeit den Vogel ab. Die TV-Premiere erfolgt am Sonntag um 23:15 Uhr und das auch nur beim kleinen Digital-Spartensender One. Ein Armutszeugnis und trauriges Sinnbild für den Umgang des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mit queeren Themen. In unserer TV-Studie lgbTVSCAN, die wöchentlich den Anteil von Filmen mit schwulen, lesbischen, bisexuellen, transsexuellen oder queeren Protagonist:innen und Nebenfiguren misst, sehen wir regelmäßig, dass Erstausstrahlungen von Queerfilmen fast nie in der Primetime stattfinden. Die letzte queere Free-TV-Premiere (M)Other (2018), die das Thema Regenbogenfamilien anschneidet, lief um 23:35 Uhr im RBB. In der aktuellen Woche haben wir mit 0,85 % die niedrigste jemals gemessene Queerfilmquote (Zum Vergleich: die Queerfilmquote im Kino lag 2020 bei 7,8 %). Von 352 Filmen im deutschen TV-Programm sind nur drei queer. Alle Filme sind älter - Baujahr 1989, 2010 und 2016. Zwei von ihnen liefen Wochen zuvor bereits auf anderen Sendern. Das Erste zeigt diese Woche 30 Spielfilme ohne queere Relevanz.
Christoph Pellander, Redaktionsleiter ARD Degeto, sagte in einem Interview mit DWDL.de: Mit der Erweiterung um die ARD-Mediathek kam in 2020 eine neue Plattform dazu, für die wir als ARD Degeto inzwischen gezielt Projekte entwickeln, um mit einer Serie wie ALL YOU NEED Aufmerksamkeit zu erzeugen und Zuschauergruppen zu erreichen, die wir im Ersten verloren haben oder bislang noch nicht gewinnen konnten. Warum Das Erste diese Zuschauergruppe nicht auch im linearen Fernsehen erreichen will, bleibt offen. Der oft bemühte "Bildungsauftrag" wird hier weiterhin heteronormativ ausgelegt.
Im letzten Jahr setzte Netflix mit der Neuverfilmung des Queer Cinema - Klassikers THE BOYS IN THE BAND ein starkes Zeichen für Diversität im Cast. Alle Schauspieler, der Regisseur und die Produzenten waren queer. Der Hauptcast von ALL YOU NEED ist hetero. Um diesen nicht zu überfordern, wurde ein Intimacy-Coach (Matt Lambert) engagiert. Schwule Schauspieler findet man nur in Nebenrollen. Alle vier, Matthias Freihof (COMING OUT (1989)), Julius Feldmeier (AXOLOTL OVERKILL (2017)), Martin Bruchmann (SILENT YOUTH (2012)) und Knut Berger (FUTUR DREI (2020)), beteiligten sich im Februar bei der LGBTIQ-Medienkampagne #ActOut.
Die QUEERmdb-Leser wählten ALL YOU NEED mit einer passablen Durchschnitsbewertung von 5,4/10 nach SCHITT'S CREEK (7,9), LOVING HER (6,5), WIR (5,8), HALSTON (5,8) und Q-FORCE (5,5) auf Platz 6 der besten queeren Serien 2021. Die ZDFneo-Serie THE DRAG AND US erhielt mit 1,6 die schlechteste User-Bewertung aller Zeiten. Die 20 beliebtesten LGBT-Filme und -Serien 2021 findest Du hier, die schlechtesten queeren Produktionen des Jahres haben wir hier zusammengestellt.
Drehbuchautor und Regisseur Benjamin Gutsche begründete die mangelnde Diversität der Hauptdarsteller damit, dass es undenkbar sei, während eines Castings nach der sexuellen Orientierung des Bewerbers zu fragen. Für die zweite Staffel hätte man aber „explizit die queere Community“ angesprochen, sich zu bewerben.
Eine dritte Staffel wurde bereits vor der Ausstrahlung bestellt und befindet sich in der Planungsphase.
Die QUEERmdb-Leser bewerteten die erste Staffel im Durchschnitt mit 5,4/10 und die zweite mit 6,1.
Spießige Lindenstraße in schwul. Nicht meins.