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lgbTVSCAN 2021: Ergebnisse der TV-Studie

lgbTVSCAN 2021: Ergebnisse der TV-Studie

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Heute Nacht lief die Free-TV-Premiere der langerwarteten ersten LGBT-Serie des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, die wir zum Anlass nehmen, neue Ergebnisse des lgbTVSCANs vorzustellen. Viel hat sich nicht geändert seit dem Start unserer TV-Studie. Queer zu leben und zu lieben ist weiterhin ein marginalisertes Randthema im deutschen Fernsehen, was besonders bei ARD, ZDF und den Dritten ärgerlich ist. Denn schließlich finanzieren auch schwule, lesbische, bisexuelle, transidente und intersexuelle Zuschauer das aufgeblähte Staatsfernsehen mit seinen unzähligen Sendern, YouTube-Kanälen und Mediatheken.

Johannes Jarchow | 17. Mai 2021

Klassischerweise schauen diese keinen Fußball - zumindest nicht die männliche Variante, bei der kein Sportler ein Coming-Out wagt. Mehrmals die Woche laufen Livespiele und Zusammenfassungen, was einen erheblichen Anteil der Rundfunkgebühren verschlingt. Die ständige Erhöhung des Beitrags, die letzte wurde ja gerade vom Bundesverfassungsschutz gestoppt, geht laut einer Recherche des Handelsblatts auf die gestiegenen Kosten des Rechteeinkaufs zurück.

Seit Jahren liefern sich ARD und ZDF zusammen mit Privatsendern einen schwindelerregenden Bieterkampf um den Lieblingssport der Deutschen. 2000 durfte man die Bundesliga noch für 400 Millionen Euro zeigen, mittlerweile muss die ARD über eine Milliarde Euro zahlen. Bei der Fußball-WM und -EM sieht es ähnlich aus. Mittlerweile können ARD und ZDF die Fußball-WM nur noch finanzieren, indem sie die Ausstrahlung einiger Spiele mit RTL teilen. Welchen Anteil die vielen Sportübertragungslizensen am Gesamtetat der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender haben, wollte uns bis heute niemand mitteilen.

Dagegen fallen die Produktionskosten der wenigen LGBT-Produktionen kaum ins Gewicht. ALL YOU NEED (2021 - ) wurde von ARD Degeto mit einem Budget von knapp 1 Mio. Euro inszeniert. Das Erste verweigerte, vielleicht wegen der Freizügigkeit, eine Ausstrahlung und verwies auf die Mediathek und ihre Chancen. Christoph Pellander, Redaktionsleiter ARD Degeto, sagte in einem Interview mit DWDL.de: "Mit der Erweiterung um die ARD-Mediathek kam in 2020 eine neue Plattform dazu, für die wir als ARD Degeto inzwischen gezielt Projekte entwickeln, um mit einer Serie wie ALL YOU NEED Aufmerksamkeit zu erzeugen und Zuschauergruppen zu erreichen, die wir im Ersten verloren haben oder bislang noch nicht gewinnen konnten."

Warum Das Erste diese Zuschauergruppe nicht auch im linearen Fernsehen erreichen will, bleibt offen. Beim kleinen Digitalsender One sahen gestern gerade einmal 0,1 Mio. Zuschauer die TV-Premiere der ersten Folge. Die zweite Folge generierte eine noch geringere Einschaltquote. Der Marktanteil lag bei nur 0,7 %. Das Erste berichtete zur gleichen Zeit live vom Parteitag der FDP, die beschlossen hat, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu verkleinern. 0,8 Mio. Zuschauer verfolgten die Sendung (Marktanteil 6,3 %). Zum Vergleich: Marktführer war zu dieser Zeit ZDF HISTORY mit 1,5 Mio. Zuschauern.

Mit unserer Medien-Studie messen wir den Anteil schwul-lesbischer Produktionen im Kino, bei den DVD-Veröffentlichungen und im Fernsehen. Hier sind Spielfilme und Serienepisoden mit einer Länge von 90 Minuten und mehr die Untersuchungsgrundlage. In der letzten Woche gab es mit 0,85 % die niedrigste Queerfilmquote seit Beginn der Messung. Zum Vergleich: Die Queerfilmquote im Kino lag 2020 bei 7,8 %. Das zeigt, dass es eine Menge queerer Filme gibt, die im Fernsehen nur selten oder gar nicht gezeigt werden. Warum sich LGBT-Themen auch kommerziell lohnen, zeigen wir Ende Mai mit den Ergebnissen der Queer Cinema Kinocharts der letzten zehn Jahre. Von den 352 Filmen im deutschen TV-Programm waren in der letzten Woche lediglich drei queer. Alle Filme waren älter - Baujahr 1989, 2010 und 2016. Zwei von ihnen liefen Wochen zuvor bereits auf anderen Sendern.

2021 (1. Januar bis 23. Mai) lag die Queerfilmquote bei 2,5 %, in der Hauptsendezeit, der sogenannten Primetime mit Startzeiten zwischen 20:15 Uhr und 21 Uhr, bei 0,6 %. Queere Hauptthematik hatten nur 0,5 % aller ausgestrahlten Spielfilme, 0,1 % liefen zur Primetime. Queer Cinema zur Hauptsendezeit fand 2021 fünf Mal statt. Das waren das Transgender-Drama GIRL (2018) am 3. Februar (Mittwoch) auf ARTE, André Téchinés Meisterwerk MIT SIEBZEHN (2016) am 17. Februar (Mittwoch) ebenfalls auf ARTE, der US-Queerbuster LOVE, SIMON (2018) am 20. Februar (Samstag) auf ProSieben, die vierte Folge der ARD-Reihe VÄTER ALLEIN ZU HAUS (2021) am 26. Februar (Freitag) in der ARD sowie die siebente Wiederholung von FAMILIE VERPFLICHTET (2015) am 14. April im Ersten. Einen Film mit lesbischer Hauptthematik gab es überhaupt nicht.

Am 4. Oktober 2020 wurde ein schwuler Mann in Dresden ermordet. Vier Monate später wird der islamistische Täter angeklagt. Die Bundesanwaltschaft nennt im Februar 2021 Hass auf Homosexuelle als Motiv. Der Rückfall in sich wieder stärker ausbreitende, homophobe Ressentiments in der deutschen Bevölkerung ist seit Jahren sichtbar. Und dagegen hilft nur, sagen wir unser Mantra gemeinsam: Präsenz. In Zeiten von Corona bleibt neben Fernsehen gerade nicht viel, was auch bei möglichst vielen ankommt. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird dabei seiner Verantwortung nicht gerecht, die komplette Gesellschaft in allen ihren Facetten abzubilden und zu erreichen. Es sollte nicht der nächste Mord passieren, bis sich die ARD wiedermal überlegt, eine familienfreundliche Culture-Clash-Komödie von vor sechs Jahren aus dem Wühltisch der Dritten Programme herauszuholen und diese zum allerersten Mal zur wichtigsten Sendezeit auszustrahlen. Die Premiere von FAMILIE VERPFLICHTET war am 5. November 2011 um 22 Uhr auf einem Regionalsender.

Denn ohne Dringlichkeit laufen queere Filme und Serien nachts. Bei den kleinen, dritten Programmen, die nur noch Fernsehen für ältere Zuschauer bereitstellen. Bei ARTE und 3SAT, die einzigen Sender für intellektuelle Stimulation zur Primetime, leider ohne relevante Reichweite. Beide kommen auf Marktanteile von 1 %, während der Muttersender ZDF 14 % aller Zuschauer erreicht. Das ZDF ist praktisch komplett heteronormativ in seiner Filmlandschaft. Hätte es KU'DAMM 63 nicht gegeben, wo ein schwuler Mini-Sideplot zu sehen ist, wäre der Sender LGBT befreite Zone.

Bleiben One (wer von diesem Sender je gehört hat, kann uns gern einen Kommentar hinterlassen) und last and least, um im englischen Wording zu bleiben, die schlecht programmierten Mediatheken, wo queere Produktionen nach kurzer Zeit wieder verschwinden. Und würde das westliche Abendland untergehen, wenn Fußball bei Sat.1 und RTL liefe?

#DAFÜRzahlichnicht

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Comment(6)

  1. Ich habe von One tatsächlich noch nie etwas gehört. Scheint man über DVBT nicht empfangen zu können. Ich muss sagen, ich schaue fast überhaupt kein TV mehr. Und was ich hier lese, macht mich richtig wütend. Bislang habe ich nie darüber nachgedacht, was und wieviel ich für den ganzen Bums bezahle. Ich nutze die Inhalte eher indirekt, weil ich zum Beispiel heute (ZDF) bei facebook abonniert habe. Und ich denke auch, dass die Gesellschaft davon profitiert. Aber du hast vollkommen recht, ich hab mein Leben lang noch nie ein Fußballspiel, ein Tatort oder Traumschiff gesehen und freue mich während der WM über freie Straßen und Plätze. Die Öffentlichen haben ein Überhang von anspruchsloser Unterhaltung. Kann das nicht auch ProSiebenSat1 und RTL überlassen werden? Ich bin lesbisch. Gegenüber euch Schwulen sind wir im Fernsehen ein Kuriosum. All you need ist ja auch keine LGBT-Serie, sondern eine Schwulenserie. Ich höre auf. Macht nur schlechte Laune. Weiter so! #DAFÜRzahlichnicht

  2. Und was ist jetzt die große Schlagzeile? Du hast mit allem recht, außer dass Fußball zu den Privatsendern gehört. Das kann nur jemand sagen, der kein Fußball guckt. Dann lieber die Masse an Fernseh- und Radiostationen reduzieren. Schauen wir mal, wie der Streit mit dem Bundesverfassungsgericht ausgeht. War ja erst einmal nur eine Pro-Forma-Entscheidung.

  3. Nicht ganz verständlich: Warum ist „ALL YOU NEED“ nur online (Mediathek) statt reguläres Fernsehen wie ARD – Der Erste, oder drittprogramme wie SWR, SR, BR, HR, WDR, MDR, RBB, NDR und Radio -TV Bremen wird gezeigt?? Sparten- und Sondersender wie ARD ONE, ARD tagesschau24, ARD Alpha, ZDF info, Phoenix und zdf_neo sind nicht überall zu empfangen, z.B. der Kabelnetzbetreiber UPC-Sunrise lässt diese Sparten- und Sonderkanäle nur noch verschlüsseln. Wiederholungen mit Untertiteln wäre gut. Öffentlichkeitsarbeit (= Aufklärungen und Informationen) über die „Regenbogengemeinschaft“ und ihre Diversität (= Verschiedenheit) wird auch heute noch gebraucht !!

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