KRITIK ZU JOHNNY OHNELAND
[Birgit Jarchow] Man braucht einen Moment, um in Judith Zanders neuen Roman wirklich einzusteigen. Aber dann lässt er einen nicht mehr los. Es ist vor allen Dingen die Sprache, mit der sie den Dingen auf den Grund geht, die überzeugt. Und es ist eine Geschichte vom Suchen nach dem eigenen Leben.
Beginnend in der Kindheit, die im ruhigen vorpommerschen Dorf erlebt wird und in der Joana Wolkenzin früh Brüche erlebt und Verantwortung übernehmen muss. Sie denkt viel nach und hinterfragt alles. Bücher und Musik sind ihr Leben. Schnell merkt sie, dass sie sich von den andern irgendwie unterscheidet und von Anfang an nicht in der Lage ist, mit dem Strom zu schwimmen. Selbstverständlichkeiten sind ihr suspekt, in Gemeinschaften fühlt sie sich fremd. Aber alles nimmt seinen geplanten Lauf. Joana geht ihren Weg, beginnt ein Studium, ein Auslandssemester – und die Welt fängt allmählich an, sich für Joana, die sich seit ihrer Kindheit Johnny nennt, aufzuschließen. Die Rätsel werden gelebt, die Fragen gestellt, vor den Antworten nicht weggelaufen.
Das ist spannend mitzuerleben. Allein, und gern allein, geht sie mutig Schritt um Schritt, verliebt sie sich in Jungs und in Mädchen, hat Erfolg, scheitert, kehrt verblüffend um an Stellen, die anderen traumhaft erscheinen mögen, wo sie sich allerdings verloren und entlassen fühlt. Sie lässt Chancen liegen und ergreift andere. Irgendwie bleibt sie immer fremd. Sehr gelungen ist dabei die Selbstverständlichkeit, mit der Joana–Johnny sich der Liebe und ihren Sehnsüchen ergibt. Bisexualität wird erfahren im Laufe des Lebens und selbstverständlich, ohne lästige Gender-Fokussierung, gelebt.
Judith Zanders JOHNNY OHNELAND ist ein wunderschönes Buch, das ich sehr gern allen empfehle, die noch nicht fertig sind mit dem Leben, die suchend und fragend und irrend und mutig leben. Songtexte, Rilke-Verse, Brecht, Busch, Goethe, Shakespeare, DDR-Kinderlieder, Finnisch und Plattdeutsch spiegeln Atmosphären und Stimmungen und öffnen auf besondere Weise den Blick auf Menschen. „Und gucken uns mal genauer an: wie bei Nacht die Wolken ziehn, ohne Land in Sicht.“