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lgbTVSCAN: Ergebnisse der TV-Studie vom August 2018

lgbTVSCAN: Ergebnisse der TV-Studie vom August 2018

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Zum zweiten Mal nach all dem Pinkwashing im Juli schauen wir ein weiteres Mal hinter die Kulissen der ach so queerfreundlichen, deutschen Medienlandschaft. Die Pride-Saison hat auch im August ihre Spuren hinterlassen. Die QUEERfilmquote der deutschen Fernsehsender ist weiter auf Rekordniveau. Doch es gibt weiterhin gravierende Unterschiede zwischen den einzelnen Kanälen.

Johannes Jarchow | 15. August 2018

Stell dir vor, Du musst den ganzen Tag aus beruflichen Gründen fernsehen. Zum Beispiel, weil Du eine TV-Studie durchführst, wie häufig LGBT im deutschen Fernsehen eigentlich thematisiert wird. Für die einen könnte es ein Traumjob sein, ich fühle mich dabei eher wie Alexander DeLarge aus UHRWERK ORANGE*, der gezwungen wird Filmchen zu sehen, um zu einem besseren Menschen umerzogen zu werden. Ich möchte aber nicht umerzogen werden, sondern bleiben wie ich bin - ein schwuler Thirtysomething, der um 20 Uhr gern die Tagesschau guckt, ARTE liebt und das vielfältige Streaming-Angebot von FUNK schätzt. Aber wozu brauche ich die ganzen Dritten, die teuren Sportübertragungen oder jeden Tag Talk über die Flüchtlingskrise? Wann ist die eigentlich endlich vorbei?

Ich bin nicht nur schwul, ich bin Berliner. Mein zuständiger Regionalanbieter RBB lässt sich gerade für Deutschlands erste Queerfilmreihe feiern. Nicht einmal ARTE hat dies bislang zustande gebracht. Dabei ist kein anderer deutscher TV-Sender so vorbildlich queer. Das Erste schafft es noch als einziger, ähnlich viele Sendungen mit Schwulen, Lesben und Trans auszustrahlen. Der RBB dagegen gehörte bislang zusammen mit dem MDR und dem ZDF zu den homophobsten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Nur eben nicht zur Pride-Saison. Da gibt es ausreichend Anlass für Pinkwashing um Mitternacht.

Homophobie ist ein starkes Wort, das wir gern gegen diejenigen verwenden, die uns vermeintlich hassen. Mancheine* wird dabei an den Nollendorfblog denken und die Augen verdrehen. Dabei war der Nollendorfblog enorm wichtig, um auf Alltagshomophobie aufmerksam zu machen, die wir ohne den erhobenen Zeigefinger gar nicht gesehen hätten. Wenn der Schwulenwitz über Traumpaar Trump und Putin mal wieder die Runde macht, kann man sich auch als Queer meist ein Schmunzeln nicht verkneifen. Tatsächlich ist dieser Witz ein groteskes Bild über die Scheinheiligkeit in den Medien, in der Gesellschaft und in uns selbst.

Es ist, anders als noch in den Achtzigern bis Neunzigern, politisch nicht mehr korrekt, homophob zu sein. Das hat nun auch der letzte Depp verstanden. Wenn er sich im Bewerbungsgespräch befindet, wird er einen Teufel tun, seiner Homophobie Ausdruck zu verleihen. Das macht er nur unter Freunden, wenn er etwa ein* Trans "Schwuchtel" hinterhergrölt. Homophobie ist aber eben auch, wenn ein TV-Sender mit Bildungsauftrag und finanziert durch uns alle so tut, als würde es uns nicht geben. Oder höchstens zu einer Zeit, wo die meisten von uns schlafen. Hegel sagt, wir sind nur im Anderen. Wenn andere uns nicht anerkennen, können wir nicht wissen, wer wir sind. Und ob wir ok sind, wie wir sind.

2018 weiß ich, dass ich ok bin. Der RBB scheint da noch seine Zweifel zu haben. Oder warum versteckt er seine fantastische Filmreihe, als wäre sie ihm peinlich? Zur besten Sendezeit könnte es noch jemanden stören. Aber selbst wenn? In den USA gibt es die Queervereinigung GLAAD, die sich dafür einsetzt, das LGBTs in den Medien wie alle anderen Menschen auch behandelt werden. Jährlich veröffentlicht GLAAD einen Report, wie häufig LGBTs in Hollywood-Spielfilmen vorkommen. 2017 haben sie einen Rückschlag aufgedeckt.

Warum kann ich nicht jeden Tag um 20:15 Uhr ein Film wie BROKEBACK MOUNTAIN sehen? Der lief an einem Sonntag im August diesen Jahres erstmalig auf diesem Sendeslot als HD-Version auf ARTE. Das heißt ja nicht, dass ich deshalb fernsehen würde. Aber dass ich es könnte, würde mich mit der monatlichen GEZ-Gebühr versöhnen. 17,50 € immerhin. Teuer als Netflix. Und das schaue ich fast jeden Tag.

Aber immer noch besser als das ganze Daily-Volkstheater bei den Privaten, oder? Über BERLIN TAG UND NACHT* kann man streiten, und es gibt ihn, den schwulen Protagonisten, grundsätzlich aber ist LGBT bei den Privaten noch seltener thematisiert als beim anspruchsvolleren Bildungsfernsehen. Frauen- und Schwulensender sixx und Tele 5 ("Anders ist besser") sind die Ausnahmen. Alle anderen mogeln uns nur ein paar selbstproduzierte trendige, schwule Fictionals unter. Kabel 1 und Sat.1 geben sich nicht einmal die Mühe, in diesem Bereich queer zu sein. Im Gegenteil. Bullys homophobe Kamellen SCHUH DES MANITU und (T)RAUMSCHIFF SURPRISE laufen in Dauerrotation. Das sind halt die beiden erfolgreichsten, deutsche Filme. Warum eigentlich?

Das genaue Sender-Ranking und weitere Zahlen liefert die QUEERmdb-Medienstudie, die jede Woche das TV-Programm analysiert. Im August setzte sich sixx dank geringer Spielfilmzahl an die Spitze bei der QUEERfilmquote. Mehr Aussagekraft haben die Zahlen von ARTE und vom RBB, die auf Platz 2 und 3 folgen. Von 100 Spielfilmen und Serien in Spielfilmlänge hatten bei ARTE drei eine queere Hauptthematik, acht eine queere Nebenthematik. Die QUEERfilmquote liegt damit bei beachtlichen 11%. Der RBB kommt dank seiner RBB QUEER - Reihe auf 10,6%. Und das zu 100% queerer Hauptthematik.

lgbTVscan: LGBT-Präsenz August 2018

Als überdurchschnittlich queerfreundlich präsentierten sich noch One, Das Erste und der WDR. Insgesamt lag die gemessene QUEERfilmquote im August bei 3,6%. Wie auch schon im Juli signifikant geringer als in Österreich. Die drei untersuchten Sender ORF 1, ORF 2 und ServusTV kamen auf 6,6%, was einzig und allein auf die hohe QUEERfilmquote von ServusTV zurückgeht. Die beiden öffentlich-rechtlichen Sender blieben unter 2%.

August 2018: LGBT-Präsenz in Spielfilmen der deutschen und österreichischen TV-Sender

Vergleich man die Zahlen mit den Veröffentlichungen im Kino und auf DVD 2017, wird ein weiteres Mal deutlich, dass deutsche TV-Sender nur einen Bruchteil der queeren Spielfilme ins Programm nehmen. Und immer wieder die gleichen Produktionen dauerrotieren. Ein Lichtblick war RBB QUEER. Bleibt zu fürchten, dass im September Ernüchterung einkehrt.

Es steht zu befürchten, dass sich die Zahl der Sender, die keine einzige 90-Minuten-Produktion mit schwuler, lesbischer, bisexueller, transsexueller oder intersexueller Thematik im Programm haben, weiter erhöht. Im August waren von den 28 untersuchten deutschen TV-Kanälen genau die Hälfte ohne LGBT-Filme. Neben den öffentlich-rechtlichen Programmen BR, KiKa, MDR, NDR und Phoenix haben die Privaten Disney Channel, Kabel 1, Nickelodeon, Nitro, ProSieben, ProSieben Maxx, RTL, SuperRTL und VOX darauf verzichtet.

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