QUEERfaktor: 8/10
Regisseur Benoît Duvette knüpft an seine früheren Arbeiten an, in denen er sich mit Identität, Körper, Metamorphose, Verlassenwerden und Verlangen beschäftigt. Die beiden Titelhelden treffen sich in einem verlassenen Haus irgendwo auf dem französischen Land. Duvette setzt gleich mit dem Zielpunkt ein: einem Kuss. Danach richtet sich der Blick auf den Weg dorthin - das vorsichtige Umkreisen, das Austesten von Grenzen, das gegenseitige Abtasten. Und schließlich auf das Eingeständnis des eigenen Begehrens.
EDEN & CHARLIE entfaltet sich in einem sehr langsamen Rhythmus. Für die Darsteller ist das eine Herausforderung, denn viele Szenen bestehen aus Pausen, Blicken und Schweigen. Viel Dialog gibt es nicht. Gerade Néven Carron als Charlie gelingt es, diese Leerstellen mit authentischer Präsenz zu füllen.
Charlie ist einen Schritt weiter als Eden und flirtet von Anfang an offensiv. Sein Drängen wirkt stellenweise fast übergriffig - wird aber durch die entrückte Atmosphäre des Films abgefedert. Vieles wirkt leicht bis deutlich surreal, beinahe künstlich. Oder, wenn man so will: sehr bewusst künstlerisch.
Auch der Soundtrack trägt dazu bei. Er ist ungewöhnlich dominant und gibt die emotionale Tonlage vor: Drama, Tragik, Melancholie. Carron singt DIDO’S LAMENT aus Henry Purcells Oper DIDO AND AENEAS zwei Mal selbst. Dass er Talent hat, stellte er bereits in der 14ten Staffel der französischen THE VOICE - Variante unter Beweis und schaffte es ins finale Team der Pop-Sängerin Jenifer. Der Film beginnt und endet mit dieser Klage, deren berühmte Zeilen wie ein Kommentar über der Geschichte schwebt:
When I am laid in earth
May my wrongs create no trouble.
Remember me, but forget my fate.
Im Kern geht es genau darum: um Edens Versuch, "normal" zu sein - also sein Begehren zu verdrängen - und um den Moment, in dem dieser Wunsch schließlich zerbricht.
Die Interpretation von Komponist Jean-Christophe Cheneval und Néven Carron am Ende ist für mich auch der stärkste Moment des Films. Und der musikalische Höhepunkt des Queer Cinema 2025.