LGBTVscan 2025: Queere Sichtbarkeit bei Film-Veröffentlichungen in Deutschland hoch wie nie
2025 spiegelten Kino, Fernsehen und Streaming die Vielfalt der Gesellschaft etwas stärker wider als zuvor. Mehrere Rekordwerte wurden erreicht, dennoch bleiben queere Menschen unterrepräsentiert. Der Anteil LGBT-inklusiver Filme ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Den stärksten Zuwachs sehen wir bei Netflix. Von den untersuchten 23 reichweitenstärksten TV-Sendern machte ARTE den größten Sprung. Mit Netflix und Amazon Prime kann jedoch kein deutscher Sender mithalten.
Johannes Jarchow | 26. Juni 2026
Im letzten Jahr wurden im linearen Fernsehen 15.240 Filme und Dokumentationen mit einer Laufzeit von mindestens 70 Minuten ausgestrahlt, etwas mehr als 2024 (+1,1 %). Von diesen hatten 991 mindestens eine für die Handlung relevante LGBT-Figur (+33,9 %). Damit beträgt die Queerfilmquote* 6,5 % (2024: 4,9 %). Im Vergleich zu Veröffentlichungen im Kino (13,6 %), bei Netflix (11,2 %), Amazon Prime (11,0 %) und auf DVD bzw. Blu-Ray (9,4 %) blieb das Fernsehen das mit Abstand am wenigsten diverse Langfilm-Medium in Deutschland.

Dabei gibt es weiterhin ein großes Gefälle zwischen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und den Privatsendern. In den Ersten, Zweiten und Dritten Programmen hatten 2025 knapp 700 Dokumentar- und Spielfilme queere Themen. Auffällig sind die stark gestiegenen Zuwächse bei HR Fernsehen (+73,2 %), ZDFneo (+56,1 %) und ZDF (+40,0 %). Nur SWR (-23,7 %) und BR (-4,2 %) reduzierten queer-inklusive TV-Ausstrahlungen. Der Südwestrundfunk löste in diesem Jahr zudem den Norddeutschen Rundfunk als Schlusslicht ab und enttäuschte auch in allen anderen untersuchten Kategorien.

Im Privatfernsehen waren etwas über 300 Filme LGBT-inklusiv. Die meisten von ihnen liefen bei Sat.1 (+79,3 %). Der Unterföhringer Sender löste sixx an der Spitze ab. Super RTL verbesserte sich um zwei Plätze und erhöhte seinen LGBT-Anteil ebenfalls enorm (+113,6 %) - vor allem in der Weihnachtszeit. Dazu später mehr. Nitro zeigte mit Ausnahme von fünf Filmen ausschließlich heteronormative Inhalte. Pro7MAXX verdreifachte die Anzahl von Produktionen mit queeren Charakteren und ist damit nicht länger der am wenigsten diverse Privatsender Deutschlands.

Die Problematik, dass LGBT-Inhalte besonders in der wichtigsten Sendezeit, der sogenannten Primetime von 20:15 Uhr bis 22:00 Uhr, kaum eine Rolle spielen, hat sich 2025 entschärft. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Queerfilmquote im Slot mit der höchsten Reichweite um 0,3 Prozentpunkte auf 1,2 %. Diese Zahl bezieht sich auf den Anteil an allen TV-Ausstrahlungen.
Für unseren LGBTVscan, der 2027 letztmalig erscheinen wird, haben wir die Methodik erweitert und erheben nun zusätzlich die Gesamtzahl der Primetime-Filme. Ein erster Ausblick zeigt die Schieflage: Bei unserer Auswertung des ersten Halbjahrs 2026 stellten wir fest, dass 1.269 Produktionen in der Hauptsendezeit ausschließlich heterosexuelle Personen mit Cisgeschlechtlichkeit zeigten. Dagegen kamen in nur 100 Filmen schwule, lesbische, bisexuelle, trans- oder intersexuelle Personen vor. Sieben von ihnen waren die Hauptfigur - wie etwa in den ZDF-Eigenproduktionen BAUMGEFLÜSTER und OLIVIA oder in ALBERT NOBBS auf ARTE.
Der Hauptstadtsender RBB hat 2025 in der Primetime am stärksten aufgeholt, gefolgt von WDR und 3sat. ARTE überholte ARD und ZDF und setzte sich, wie bereits 2023, wieder an die Spitze. Das Erste und das Zweite hatten im letzten Jahr die meisten Zuschauer, was den Rückgang an Diversität umso relevanter und prekärer macht. Der SWR war der einzige öffentlich-rechtliche Sender, der davor scheute, im Anschluss an die Tagesschau überhaupt einen Film mit einer relevanten LGBT-Figur zu zeigen.

Das Privatfernsehen hat 2025 in der Primetime genau wie der gebührenfinanzierte Rundfunk insgesamt mehr LGBT-inklusive Produktionen ausgestrahlt als 2024 (+47,3 %). Der Anstieg war sogar noch höher als bei ARD, ZDF & Co (+27,9 %). Super RTL hat die Anzahl von Queerfilmen in der Hauptsendezeit mehr als verdoppelt, Tele 5 und VOX hingegen reduzierten sie. Pro7MAXX zeigte zum ersten Mal seit drei Jahren wieder einen Film mit queerer Nebenthematik.

LGBT-Protagonist:innen kamen 2025 in 119 Spielfilmen und Dokumentationen vor (+9). Der Anteil an allen ausgestrahlten Filmen betrug ernüchternde 0,8 % (+0,05 Prozentpunkte). Die meisten LGBT-Filme* liefen erneut bei ARTE, RBB und 3sat. ZDFneo hat die Anzahl der Filme mit einer nicht-cis-heteronormativen Hauptthematik halbiert. Sieben der zwölf untersuchten gebührenfinanzierten Fernsehsender verringerten ihr Angebot solcher Produktionen.

Fünf der untersuchten privaten Fernsehsender hatten 2025 keinen einzigen Film mit einer LGBT-Hauptthematik in ihrem Programm - einer mehr als 2024. RTL 2 trat dem queerphoben Club bei, VOX, Sat.1 und Nitro erneuerten ihre Mitgliedschaft. Besonders enttäuschend ist der Verzicht bei sixx, der 2023 in dieser Kategorie noch der vielfältigste Kommerz-Sender war.
Super RTL und ProSieben machten den Rückgang der anderen Privaten mehr als wett. Der Sender mit dem geringsten Marktanteil der RTL-Gruppe (1,0 %) erreichte die vergleichsweise hohe Zahl durch LGBT-Weihnachtsfilme wie die lesbische RomCom VERLIEBT UNTERM WEIHNACHTSBAUM, die ganze drei Mal wiederholt wurde.
Insgesamt stieg die Anzahl aller Filme mit einer queeren Hauptfigur im Privatfernsehen um sieben.

Apropos Wiederholungen. Der Großteil der ausgestrahlten LGBT-Produktionen kam aus dem Archiv (75,6 %) - immerhin 0,8 Prozentpunkte weniger als 2024. CHARLEYS TANTE wurde 2025 elf Mal gezeigt. Und bei diesem Film kann man wahrlich diskutieren, ob er überhaupt queer lesbar ist. Unsere Redaktion sagt nach demokratischer Abstimmung Ja. Ich sage Nein und erkläre die TV-Komödie OH TANNENBAUM aus dem Jahr 2007 zum meist wiederholten Film. Dieser rotierte neun Mal durch fünf öffentlich-rechtliche Kanäle.
Lediglich 29 Filme mit queeren Protagonist:innen liefen 2025 erstmals im Fernsehen, nur einer davon bei einem privaten TV-Sender. ProSieben zeigte im August KNOCK AT THE CABIN zum ersten Mal im Free-TV. 2024 gab es nur 25 solcher Erstausstrahlungen. Neun TV-Premieren wurden im Rahmen der Filmreihen RBB Queer (4) und BR Queer (5) veröffentlicht. In die Primetime schafften es gerade einmal vier Filme - alle liefen bei ARTE, das damit das Bild abrundet, Deutschlands queerster TV-Sender 2025 zu sein.
Fernsehanstalten wie RTL und NITRO haben einen stärkeren Fokus auf Serien und schneiden im LGBTVscan bedingt durch die Methodik, nicht durch fehlendes Engagement schlecht ab. Im Angesicht der größeren Anzahl von Filmformaten ist deshalb der SWR der queerphobste Fernsehsender des Jahres.

Wie in den Jahren zuvor waren die öffentlich-rechtlichen Sender insgesamt deutlich diverser als die privaten. Das gebührenfinanzierte Fernsehen konnte 2025 bei den schwul-lesbischen TV-Premieren seinen Vorsprung im Vergleich zum Vorjahr noch ausweiten (+0,7 Prozentpunkte). In allen anderen Kategorien holten Privatsender auf - am deutlichsten in der Kategorie der Queerfilme (+4,6 Prozentpunkte).

LGBT-Themen kommen im deutschen Fernsehen immer häufiger vor. Es bleibt aber signifikant hinter anderen Veröffentlichungsformen zurück. Im Kino werden doppelt so viele queere Produktionen gezeigt. Die meisten Privatsender, aber auch einige Dritte wie der SWR, der NDR und der in den AfD-Hochburgen Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen reichweitenstarke Mitteldeutsche Rundfunk sind für diese Diskrepanz verantwortlich.
Der MDR beteiligt sich seit 2025 an der ersten und einzigen TV-Queerfilmreihe in Deutschland, zeigt aber nur einen LGBT-Film (NORWEGIAN DREAM als Wiederholung). Von Reihe konnte 2025 also nicht die Rede sein. Mut ja, aber bitte nur aus dem Archiv und homöopathisch dosiert.
Die wichtige, aber unterrepräsentierte Primetime und die Anzahl der Erstausstrahlungen stagnieren auf einem niedrigen Niveau. Dass viele LGBT-Produktionen aus dem Ausland nicht synchronisiert sind und deshalb nicht zur besten Sendezeit laufen, ist vielleicht noch nachvollziehbar. Aber auch deutschsprachige oder aufwendig deutsch synchronisierte Premieren wie FEMME (ZDF, 0:45 Uhr), BALDIGA (RBB, 23:30 Uhr), DER WUNSCH (ZDF, 23:50 Uhr), LASVEGAS (ZDF, 0:05 Uhr) oder THE WHALE (Das Erste, 23:35 Uhr) wurden 2025 zur Schlafenszeit ausgestrahlt.
Wir brauchen mehr Sichtbarkeit von Menschen außerhalb der Norm, gerade in populären Medien wie dem Fernsehen. Und zwar dann, wenn man auch viele Zuschauer erreichen kann. In Zeiten zunehmender Trans- und Homofeindlichkeit ist dies besonders wichtig. Vorurteile und negative Einstellungen reduziert man am effektivsten durch Kontakt zu jenen, die man abwertet. Das ist in sozialpsychologischen Studien gut belegt. Fernsehen kann diesen Kontakt niederschwellig herstellen. Dies passiert aber zu wenig, wie die Ergebnisse dieser und anderer Medienstudien seit Jahren offenlegen. Die Marginalisierung von queeren Menschen trägt dazu bei, ablehnende Haltungen ihnen gegenüber zu verstärken. Dass wir in 93,5 % aller Filmausstrahlungen in Deutschland überhaupt nicht vorkommen, ist beschämend - und beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk inakzeptabel.
© 2024 QUEERmdb/ Johannes Jarchow
* Queerfilme bezeichnet in dieser Studie die Kategorie von Filmen und Dokumentationen mit mindestens einer für die Handlung relevanten schwulen, lesbischen, bisexuellen, trans und/oder inter Figur, deren sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität explizit thematisiert und nicht nur über Stereotype erkennbar ist. In der Kategorie LGBT-Filme steht die queere Thematik im Vordergrund.