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Wie Facebook queere Communitys löscht – und sich selbst

Wie Facebook queere Communitys löscht – und sich selbst

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2012 war Facebook noch offen queerfeindlich und verweigerte uns Webadressen mit Begriffen wie "LGBT" oder "queer", also zum Beispiel fb/queermdb oder fb/queerfaktor. Mitte der 2010er begann die Prüderie-Welle der Nacktheitszensur. Heute löscht nicht mehr Moral - sondern eine KI. Und das oft ohne nachvollziehbare Begründung und ohne Widerspruchsmöglichkeit.

Johannes Jarchow | 28. Februar 2026

Seit der Gründung von QUEERmdb war Facebook einer unserer wichtigsten Zugangswege. Über Jahre kamen bis zu zehn Prozent unserer Leser:innen über diese Plattform. Unsere internationale Gruppe GAY MOVIES, SERIES AND BOOKS wuchs zu einer Community mit über 600.000 Mitgliedern.

Am Sonntag wurde sie gelöscht.

Nicht eingeschränkt. Nicht verwarnt. Entfernt.

Es ist das dritte Mal, dass Facebook diese Gruppe sperrt. Beim letzten Mal, 2024, wurde die Entscheidung mit Unterstützung eines EU-Verbraucherschutzverbandes wieder aufgehoben. Die Gruppe kam zurück, wuchs weiter - und verschwand nun erneut. Der Unterschied diesmal: Ein Antrag auf Überprüfung gibt es nicht.

Mehrere angeblich problematische Beiträge wurden, so es überhaupt möglich war, nachträglich überprüft und von Facebook selbst wiederhergestellt. Einer der Vorwürfe bezog sich - wie auch schon bei der letzten Sperrung im Jahr 2024 - auf einen Beitrag, der nie veröffentlicht wurde: Er stammte von einem Nichtmitglied (unbestätigte Teilnahme-Anfrage, von denen es täglich hunderte gibt) und lag im Spam-Ordner, wo er sich nicht löschen ließ: "Es ist ein Problem aufgetreten." "Der User konnte nicht blockiert werden." Diese und ähnliche Fehlermeldungen sind seit einigen Jahren der Standard und bei Widersprüchen der Standard.

Trotzdem bleibt die gesamte Community gesperrt.

Facebook löscht LGBT-Gruppe | 22. Februar 2026
Screenshot der Facebook-Meldung vom 22. Februar 2026

 
Die Regel, gegen die angeblich verstoßen wurde: Sexuell motivierte Kontaktaufnahme durch Erwachsene. In diese Kategorie wurde ein einziger Beitrag eines Teilnehmers eingestuft, der nach Gayfilmen mit erotischen Inhalten fragte - Spielfilmen. Was hat das mit einer Kontaktaufnahme zu tun? Die Löschung durch Facebook erfolgte bereits vor Wochen und ist damit so lange her, dass er gar nicht mehr im Gruppenstatus auftaucht. Ganz ähnliche Beiträge wurden bereits etliche Male gepostet, was nie ein Problem darstellte. Warum auch?

Das eigentliche Problem ist dabei nicht einmal die Fehlentscheidung. Fehler passieren - ganz besonders häufig, wenn eine KI entscheidet. Das Problem ist ein System, das keine Korrektur mehr vorsieht. Ohne Referenznummer kein Widerspruch. Ohne Widerspruch keine Prüfung. Ohne Prüfung keine Transparenz.

Früher entschieden Menschen über Inhalte. Die berühmt-berüchtigten Facebook-Cleaner mussten schnell urteilen, oft unter schlechten Bedingungen - aber es gab wenigstens jemanden, der Entscheidungen überprüfen konnte. Heute wirkt Moderation wie eine Blackbox: automatisiert, intransparent und praktisch unangreifbar.

Ironischerweise ist Facebook dabei nach außen liberaler geworden. Offene Ablehnung queerer Begriffe existiert nicht mehr. Stattdessen entsteht etwas Schwierigeres: algorithmische Unsichtbarkeit. Communitys verschwinden nicht mehr wegen klar formulierter Regeln, sondern wegen künstlich-intelligenter Systeme, deren Logik niemand erklären kann.

Die EU hat mit dem Digital Services Act eigentlich Rechte geschaffen: Begründungen, Beschwerdewege, außergerichtliche Streitbeilegung. Doch Rechte helfen wenig, wenn Plattformen die technischen Türen zu diesen Verfahren schlicht nicht öffnen.

Was bleibt, ist eine paradoxe Situation: Noch nie war queere Sichtbarkeit online so groß - und gleichzeitig so abhängig von automatisierten Entscheidungen eines einzigen Konzerns. Früher wusste man wenigstens, wer einen löscht. Heute löscht eine Maschine. Und niemand beantwortet offene und berechtigte Fragen.

Angebliche Richtlinien-Verstöße werden durch Überprüfungen zurückgenommen

 
Am Ende könnte Facebook an genau dem System scheitern, das eigentlich Effizienz schaffen sollte. Wenn automatisierte Moderation massenhaft falsche Entscheidungen trifft und gleichzeitig funktionierende Einspruchswege verschwinden, trifft das längst nicht mehr nur queere Communitys. Dieselben Mechanismen werden zwangsläufig auch große, völlig unpolitische und cis-heteronormative Gruppen erfassen. Was heute wie ein Randproblem wirkt, ist in Wahrheit ein strukturelles.

Viele Teilnehmer:innen, queere Künstler:innen und Veranstalter:innen vermuten hinter dem Vorgehen der Facebook-KI eine queerfeindliche Kampagne, um Facebook einen konservativen, Trump-gefälligen Anstrich zu verpassen - Straightwashing. Das lässt sich nicht überprüfen. Wir wissen nicht, ob queere Inhalte besonders zensurgefährdet sind oder ob die KI überall und willkürlich Beiträge löscht und Gruppen sperrt - Anarchie.

Die öffentliche Stimmung gegenüber Facebook hat sich ohnehin seit Jahren gedreht. Vertrauen entsteht nicht durch perfekte Entscheidungen, sondern durch nachvollziehbare Korrekturen von Fehlern. Wenn aber selbst offensichtliche Fehlentscheidungen bestehen bleiben, entsteht der Eindruck einer Plattform, die ihre eigenen Nutzer:innen nicht mehr versteht - und nicht verstehen will.

Dass algorithmische Fehlalarme inzwischen zum Running Gag geworden sind, zeigt auch die Analyse des Faktencheck-Portals Mimikama, die dokumentiert, wie automatisierte Systeme regelmäßig legitime Inhalte falsch klassifizieren - begleitet vom inzwischen sprichwörtlichen Kommentar: "Facebook, go home, you’re drunk."

Vielleicht liegt darin die eigentliche Ironie: Facebook löscht nicht nur einzelne Gruppen, sondern untergräbt langsam und stetig die Grundlage seiner eigenen Relevanz. Denn eine Plattform, auf der Communitys jederzeit ohne nachvollziehbaren Grund verschwinden können, verliert am Ende das Einzige, was soziale Netzwerke überhaupt wertvoll macht - ihre Communitys.

Ich bin optimistisch, dass EU-Richtlinien erneut helfen werden, unsere Community wieder online zu bringen. Bis dahin haben wir eine Backup-Gruppe, in der wir euch auf dem Laufenden halten und weiter über Queer Cinema und HEATED RIVALRY diskutieren: LGBT MOVIES, SERIES AND BOOK. Wir sehen uns wieder - so oder so.

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